Ovids Traum

Manchmal finden mich die Fotos von selbst. So wie an diesem heißen Sommerabend auf dem Tempelhofer Feld, als die Kamera einfach so in der Tasche steckte: Theater, große Gesten, große Bilder und eine einzigartige Stadtkulisse. Und eine der schwierigsten Lichtsituationen überhaupt – Dunkelheit mit starken Lichtflecken. Ein Glück, dass sich die SchauspielerInnen oft sehr gemessen bewegten und die  manchmal etwas stofftapetenartige Optik sehr gut die Nachtstimmung transportierte.

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Es ist wohl kaum einen besseren Ort als das Tempelhofer Feld vorstellbar, um einen der heißesten Abende des Sommers 2013 angenehm zu verbringen. Und es konnte kaum eine bessere Idee geben als den Besuch von Ovids Traum – Im Garten der Wandlungen. So wie Ovid in seinen Metamorphosen die Verwandlungen von Menschen oder nicht ganz so wichtigen Gottheiten in Bäume, Steine oder Pflanzen beschreibt, interpretieren die Tänzerinnen und Sprecherinnen vom Theater Anu verschiedene Geschichten zwischen Rasen, Bäumen, Picknickstellen und Basketballkörben am Biergarten auf dem Parkgelände. Hier sehen Sie Maike Möller-Bornstein als Prokne in der wahrhaft blutrünstigen Rachegeschichte um die Schwestern Prokne und Philomela, die sich in Vögel verwandeln.

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Die Geschichte geht also so: König Tereus gibt dem Wunsch seiner Gemahlin Prokne statt und reist ab, um deren Schwester Philomela an den Hof zu holen. Doch als der König die schöne, jungfräuliche Schwester erblickt, entführt er sie in ein entlegenes Gehöft, gibt seinen eigenen Gelüsten nach, vergewaltigt Prokne und erzählt Philomela, ihre Schwester sei verstorben. Diese erfährt jedoch von Tereus’ Lüge und schwört, der Welt das ihr und ihrer Schwester widerfahrene Unrecht und die Schuld des Tereus kundzutun. Tereus schneidet ihr die Zunge aus dem Mund.

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Doch Philomela webt geheime Zeichen, die ihre Schwester verstehen kann, in einen Stoff. So erfährt Prokne, dass ihre Schwester lebt. Prokne befreit die Schwester und beide schwören Tereus Rache. Als der König sein Essen verlangt, servieren die beiden Schwestern ihm den eigenen Sohn Itys. Kein bekömmliches Mahl! Denn die Schwestern teilen ihm natürlich mit, wen und was sie ihm da kredenzt haben. Der König stürzt sich auf die Frauen, die so schnell vor ihm fliehen, dass ihnen buchstäblich Flügel wachsen und sie davonfliegen.

Was für ein blutrünstiges Getöse!

Maike Müller-Bornstein tanzt etwa alle zehn Minuten dieselbe Szene in der Wiederholungsschleife. Die Loops sind Teil der Inszenierung und des Umgangs mit dem Raum beim Theater Anu. Zweieinhalb Stunden lang werden an sieben Stationen Szenen und Geschichten wiederholt, so dass die Besucher zwanglos hin- und herwandeln können.

Rechnen wir mal nach: 180 Minuten geteilt durch 10-Minuten, die die Sequenz gefühlt gedauert hat. Macht: 18 Wiederholungen, mit nur einer ganz kurzen Pause dazwischen zum Farbe abwischen, Wassertrinken und kurzen Dehnen. Eine auch körperlich sehr herausfordernde Art des Spiels, von der ich sehr beeindruckt bin. Die Kondition, die muss man auch als Profi erst mal haben. Im Grunde tanzt da jede ihr 180-Minuten-Solo-Stück. Alle Achtung!

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Auf dem Weg zu Rosa, der Baumfrau. Brennende Schuhe säumen die Wege, die es auf dem Rasen eigentlich nicht gibt. Sie tragen einen Gutteil zu der poetischen, traumhaften Stimmung bei, die die Inszenierung ausmacht. Oder wie die Theaterleiter Stefan Beer und Bille Beer es ihren Worten ausdrücken:

Theater wie ein Gedicht denken – eine Verdichtung zum Schönen. Nicht Schmerz und Konflikt wie im Drama stehen im Fokus unseres poetischen Theaterverständnisses, sondern Versöhnung, Hoffnung, und das Entfachen von Sehnsucht, verbunden mit einem Lächeln in den Gesichtern der Besucher. […] Das poetische Theater ist der Versuch, mit künstlerischen Mitteln der Grobheit in der Welt etwas entgegenzusetzen und einen Ort zu bereiten, an dem viele Menschen die Möglichkeit haben, dem Feinsinnigen und Schönen zu begegnen, und sich durch diese Erfahrung verwandeln zu lassen.

Ganz schön viele Stiefeletten und hohe Schnürschuhe braucht’s dafür! Wo kriegt man die eigentlich her? Das alles hinzubekommen, ist eine große Aktion für die Technik, die für solche Draußen-Geschichten mitten im Grün und in den trockenen Tagen sicher hohe Brandschutzauflagen verpasst bekommen hat. Halbschuhe würden da bestimmt nicht zugelassen! Die Feuerwehr muss sich in den Büschen und Bäumen ebenfalls einer Metamorphose unterzogen und in unsichtbare Materie verwandelt haben. Aber ich bin mir sicher: Sie war da und das bestimmt nicht zu knapp.

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Corinna Ahlers ist Rosa, die Baumfrau, deren Geliebter sich in einen Baum verwandelt hat. Oder so. Leider kriege ich die Geschichte nicht mehr richtig zusammen, weil ich etwas entfernt auf einer Picknickbank saß, so dass ich den Text nicht mehr präzise verstehen konnte. Aber ich mochte die Idee, dass die betrübte Rosa versucht, sich selbst in einen Baum zu verwandeln, um ihrem Liebsten immer nahe zu sein. Tja, es funktioniert aber leider nicht so ganz, sich mit der Gießkanne selbst anzugießen um mit den Füßen Wurzeln zu schlagen.

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Pygmalions Geschöpf unter Moskitonetz-Gespensterkleidern. Venus ist so nett, die von ihm selbst geschaffene Elfenbeinstatue, in die sich der Künstler Pygmalion verliebt hat, in eine lebendige Frau zu verwandeln. Hier die Wandlung einmal anders herum – vom Stein zum Menschen.

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Eurydike im Schattenspiel. Wie man weiß: Bloß nicht umdrehen!

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An den gähnenden Bäumen. Oh, was wurde ich da entspannt und müde! Hmm, den Mann im Kokon habe ich nicht gesehen, dafür gähnten die Bäume aber umso tiefer. Gähnen galore. Ansteckend. Aber auf Dauer erschöpfend, zumal die Begleitung und ich weder Isomatten noch Schlafsäcke für eine Guerilla-Übernachtung auf dem Tempelhofer Feld  dabei hatten. Deshalb sind wir recht bald zur nächsten Station weitergezogen – zur Geschichte des glücklosen Wagenlenkers Phaeton.

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Stoffdruck-Impression mit grobem Korn vom nächtlichen Theater-Feld. Es ist großartig – so ziemlich überall sieht man hinter den einzelnen Szenen oder zwischen den Bäumen hindurch andere Bauten vom ehemaligen Flughafen oder die Skyline und den so weiten Horizont, wie man ihn nirgends sonst mitten in der Stadt hat.

Zum Abschluss bekamen wir eine Exklusivorstellung der Phaeton-Geschichte zu sehen. Zu zweit allein auf den Bierbänken um 20 nach 12. Wir ließen uns die schlecht ausgehende Story vom sich selbst überschätzenden Jüngling, der den Sonnenwagen des Vaters für einen Tag lenken wollte, erzählen.

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Clymene, Phaetons Mutter, berichtet. Die Tänzerin spielt mit einer großen weißen Scheibe – hallo Sonne! Tageslichtprojektoren werfen verschiedenste Bilder auf die Scheibe. Das Ganze immer vor der Flughafen-Szenerie … das ist … nun … sehr, sehr schön. Und das Zweitleben, das all die arbeitslos gewordenen Tageslichtprojektoren aus so vielen Schulen dabei führen können. Die Projektoren hatten bestimmt glückliche Nächte bei all den Vorstellungen.

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Wenn junge Männer in zu schnellen Gefährten sich selbst überschätzen, kommt so was dabei heraus. Eine große Raserei mit dem Pferdewagen.

Helios versucht, seinen Sohn von diesem Plan abzubringen. Jedoch vergeblich. Phaethon besteigt, als die Nacht zu Ende geht, den kostbaren und reich verzierten Sonnenwagen des Vaters. Das Viergespann rast los und gerät bald außer Kontrolle. Phaethon verlässt die tägliche Fahrstrecke zwischen Himmel und Erde und löst eine Katastrophe universalen Ausmaßes aus. […] Erst Zeus, von der Mutter Erde um Hilfe gerufen, bereitet dem Chaos ein Ende und schleudert einen Blitz. Der Wagen wird zertrümmert und der Wagenlenker Phaethon stürzt in die Tiefe, wo er tot im Fluss Eridanus (Po) landet. Seine Schwestern, die Heliaden, weinen um ihn und werden am Ufer in Pappeln verwandelt, von denen die Tränen in Form des als Bernstein bekannten Pflanzenharzes herabtropfen.

Sagt die Wikipedia über Phaeton.

Ovids Traum auf dem Tempelhofer Feld ist nun nach vier Vorstellungen an einem Wochenende ausgeträumt. Die gute Nachricht aber lautet: Alle Jahre wieder. Das Theater Anu denkt sich sommers immer neue bildpoetische Geschichten aus. Einfach der Theater-Seite vorbeischauen und gucken, was die nächste Freiluft-Saison zu bieten hat.